Dienstag, 28. Februar 2012

Deutscher Widerstand


Letzte Woche wurde Wibeke Hesse, die Leiterin unseres Bastelkreises, auf einer Dorfkreuzung  beim Linksabbiegen von einem anderen Auto angefahren. Die Fahrerin des anderen Autos hieß auch Hesse. Allerdings eine Schleehauf de Hesse, keine Bekannte, keine Verwandte. Den Damen ist glücklicherweise nichts passiert.
In unserem Lieblingscafé
Seit einigen Wochen schauen wir uns Häuser an, denn die Gemeinde und der Pfarrer werden wieder zusammenziehen. Schon beim ersten Besuch haben wir mitbekommen, dass es nicht diskret ist, die abfälligen Bemerkungen über das Haus sich gegenseitig  auf Deutsch zuzustecken. Denn die Besitzer, ihre Väter oder Mütter waren Deutsche und jedes Mal war jemand dabei, der verstand, was wir da sagten. Eine Witwe, die Besitzerin des letzten Hauses, das sehr schön war und einen großen Garten mit Blick auf drei Vulkane hatte, hatte kroatisch-portugiesische Vorfahren. Sie sagte: „Mein Mann war Deutscher, aber mein Deutsch ist leider nicht sehr gut.“
Auf der („exzellenten“) deutschen  Auslandsschule lernen 900 Schüler. Die meisten davon leben in deutsch-guatemaltekischen Haushalten, in denen spanisch gesprochen wird. In der Schule werden die meisten Fächer auf deutsch unterrichtet. Eine große Anstrengung ist das, das sprachliche Erbe aufrecht zu erhalten. Trotzdem machen ungefähr 35 Jugendliche alljährlich das deutsche Abitur.
Kindergärten heißen „Hänsel und Gretel“, Augenoptiker „Reizend“, Blumenläden „Blumen“.
Das ist Hans
Neulich startete eine massive Werbeplakatserie in der Innenstadt mit jeweils einem hübschen blonden Menschen in unschuldig-lasziver Pose (die Dame) und in Holzfällerhemd (der Herr). Auf den Plakaten stand „Besuch mich“ oder „Ich warte auf Dich“. Dazu nur jeweils nur eine twitter-Adresse. Noch bevor wir mal auf die Idee kamen, diese Adresse zu öffnen, wurden die Plakate ausgetauscht. Die beiden waren immer noch getrennt, hielten jetzt aber eine Packung in der Hand. Auf dem Plakat stand mit großen Lettern „DEUTSCHER WIDERSTAND“. Dazu noch „Made in Deutschland“ und „Scudo“. Sonst nichts.
Von der Größe und Farbgebung her hätten es Kaffeepadspackungen sein können, aber Sinn machte das nicht. Mini-CD’s mit der Geschichte Deutschlands im 2. Weltkrieg? Schokoplättchen mit dem Gesicht von Stauffenberg?  

Nicht mal eine Homepage-Adresse. Nein, die Person an den Schalthebeln der Werbezentrale wollte, dass wir den twitter-Account besuchen um zu verstehen, was die beiden von uns wollten.
Es sind Kondome. Leistungsfähige, reißfeste Kondome. Man kann das wohl nicht deutlicher sagen als mit den Worten „Made in Deutschland“ und „Deutscher Widerstand“. Es gibt sie in den Sorten:
Anatomisch
Gerillt
Verzögernd
Gerillt-Verzögernd
Spermienabtötend
Sensitiv
Wenn der neue Oberstufen-Geschichtslehrer aus Deutschland kommt, wird er wohl zum ersten Mal in seiner Laufbahn erleben, dass sich die Schüler betroffen ansehen und dann losprusten, wenn er anfängt, vom „Deutschen Widerstand“ zu sprechen. 

P.S. Ich erinnere mich an die Fahrten durch Berlin, mit der 7jährigen Mathilda und der 3jährigen Ophelia im Auto. Viel zu lange rote Ampelphasen vor riesigen Plakaten, auf denen Gurken in hauchdünnen, engen Latexhüllen steckten, mit dem Spruch: „Mach’s mit“. Und die Fragen der Kinder. Das war auch nicht besser.

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besuch_hans

Sonntag, 12. Februar 2012

Padre Pedros Kinder


Sonntag gegen halb acht wache ich in einem fremden Bett auf. Ein schmales Zimmer, zwei Betten, Licht dringt durch das kleine Fenster über dem Schreibtisch. Ophelia ist schon wach. Von draußen höre ich das Klappern von Geschirr, Kinderstimmen. Wir sind zu Gast bei Peter Mettenleiter in dem Dorf Cabricán, etwa 60 km nördlich von Quetzaltenango. Der Ort, in dem er nicht geboren ist, aber in dem er begraben sein will. Auf dem Weg zu diesem Ort konnten wir den Tajumulco sehen, den mit 4.200 m höchsten Vulkan Zentralamerikas, dahinter ist die mexikanische Grenze. Ist es nicht schön hier? Fragte er gestern. Ja, es ist schön hier. Berge ringsum, Wald, von Schluchten durchzogen, irgendwo weiter unten ein Flüsschen, Ruhe.
Am Abend vorher saß ich noch mit ihm in der Sala am Kamin. An der Wand gewebte und bestickte Stoffe, etwa mit der Aufschrift: „Felicidades Padre Pedro 50 años de sacerdocio“. Das Jubiläum ist auch schon wieder ein paar Jahre her. Weit mehr als die Hälfte seiner 50jährigen Priesterzeit verbrachte er in Guatemala, einige Jahre auch hier in Cabricán. In manche Orte musste er zum Gottesdienst auf dem Pferd reiten. Jetzt gibt es Straßen – und überall Kirchen, wo er gewirkt hat. Er hat sie selbst entworfen.
Peter Mettenleiter beim
ökumenischen Gottesdienst
Er erzählt, wie er nach Cabricán zurückkam, ja, zurückgeholt wurde, nachdem er schon seinen Ruhestand in Deutschland begonnen hatte. Nein, Ruhestand war nichts für ihn, er wurde krank davon. Dann lieber zurück zu den Leuten hier, die ihn brauchen. Hier, nach ein paar Jahren Priesterdienst an einem anderen Ort des guatemaltekischen Hochlands (San Bartolo Aguas Calientes, Totonicapán) war er nun, 2011, zum zweiten Mal in den Ruhestands-Versuch getreten. Und die Leute aus Cabricán waren zu ihm gekommen und hatten gesagt: Wenn Du schon in unserem Dorf begraben sein willst, dann kannst Du auch vorher noch ein wenig bei uns leben. Und sie bauten ihm ein geräumiges Haus, vermutlich das erste Pfarrhaus der Welt, das für einen pensionierten Pfarrer gebaut wurde.
Sonntagsfrühstück mit Graubrot und weichgekochtem Ei. Es riecht behaglich in der Küche. Gekocht wird auf Holzfeuer. Holz gibt es reichlich. Im Gegensatz zu Eierbechern, da muss man sich mit Schnapsgläschen behelfen. Das Brot hat Lesbia gebacken, die junge Haushälterin. Zwei Kinder sitzen mit am Tisch, der zehnjährige Kevin und die fünfjährige Ana Cristina. Sie sagen Papa zu dem Pater, die leiblichen Väter haben sich nie gekümmert, wie bei so vielen guatemaltekischen Kindern. Ophelia wird von Cristina neugierig beobachtet. Ophelia braucht länger, um mit anderen warm zu werden. Die Kinder von Lesbia haben es gestern schon vergeblich versucht. Vielleicht klappt es heute.
Wir laufen zur Kirche und sind spät dran. Das Kirchengebäude ist eine Baustelle, an den Altarraum wird ein Querschiff angesetzt, das vermutlich nochmal so viele Gottesdienstbesucher aufnehmen soll wie vor dem Umbau. An der Kirche sieht man, wie das Dorf wächst. Der Gottesdienst findet solange in der Festhalle statt, und weil die auch nicht ausreicht, sitzen 60 Leute draußen und hören über Lautsprecher zu. Drinnen und draußen ist jeder Platz besetzt. Der junge Pater Mario hat schon angefangen. Als wir eintreten, wird Peter über Mikrofon willkommen geheißen, Applaus. Pater Mario liest Briefe vor. Fast alle beginnen so: „Und hier noch ein Brief von … aus den Vereinigten Staaten“, etwa 20 Briefe. Man hat den Eindruck, das Dorf hat in den USA eine Außenstation.
Gringohäuser nennt Peter die Häuser, die mit dem Geld der in der Fremde lebenden Verwandten gebaut werden. Immer mehr sieht man hier davon. Schau dir diese nutzlosen Balkone an, sagte er gestern bei der Hinfahrt. Die lieben Verwandten in der Fremde werden in die Fürbitten eingeschlossen, sie haben es als illegale Arbeitskräfte nicht leicht, manche kommen dort gar nicht erst an. Mit den Gringohäusern verändert sich hier nicht nur die Landschaft, sondern vermutlich auch das soziale Gefälle etwas.
In Cabricán
Wir sitzen neben der Band, Schlagzeug, zwei oder drei Gitarreros, Sänger. Die Kirchenmusik ist so volkstümlich wie die Kleidung: Die Frauen tragen Huipiles und darüber die reichbestickten Tücher, Tzutes, entweder auf dem Kopf oder um die Schultern gelegt. Pater Mario, er hat in Rom studiert, predigt fröhlich und volksnah. Bei dem Weg, der dem kommenden Heiland bereitet werden soll, erwähnt er den schlechten Zustand der Straßen. Bis die repariert werden, kann es ewig dauern. Es sei denn, der Präsident der Vereinigten Staaten kommt …  Auf dem Gebäude gegenüber vom Festsaal sehe ich folgenden Schriftzug: „Centro de Formacion (Ausbildungszentrum) Padre Pedro Metenleiter“, das fehlende „t“ im Namen müssen sie irgendwann noch nachtragen.
Der Rückweg zum Haus dauert länger, ab und zu wird sein Name gerufen und wir müssen auf einen Schwatz anhalten. Der Bürgermeister, die Lehrer der Schule, er kennt sie alle. Es sind seine Kinder. Neben seinem Ruhesitz steht die Schule, seine Schule, erbaut mit Geld aus Deutschland. Darin eine Zahnarztpraxis. Beim Mittagessen erzählt er: Jedes Jahr wechseln die Zahnärzte, denn sie kommen nur für ihr Pflichtjahr nach Cabricán. Manchmal müssen sie ein Vierteljahr auf einen neuen Dentista warten. Dann kommen die Leute mit ihren geschwollenen Backen zu ihm.
Irgendwann hat er sich von einem Pflichtjahrzahnarzt zeigen lassen, wie man Zähne zieht, wie man die Betäubungsspritzen ansetzt (oben ins Zahnfleisch, unten direkt in den Kiefer). Was sollte ich machen, wenn die Leute mit Schmerzen vor meiner Tür standen? Also hinein in den weißen Kittel. Mittlerweile habe ich wahrscheinlich über 200 Zähne gezogen. Sein Pflichtjahr als Zahnarzt hat er lange hinter sich.
Padre Pedro ist über 80. Keine Spur von Erschöpfung. Er wird gebraucht. Fast täglich ist er mit einem seiner drei Autos (alles Spenden) unterwegs. Von einem Projekt zum andern. Weit weg in Ixcán wird für Bauern, die Land bekommen haben, ein Brunnen gebohrt. Oder in den Bergen um Cabricán muss die Wasserleitung, die das Dorf versorgt, repariert werden. Nicht dass er alles alleine machen will. Beteiligung ist das Zauberwort. Im Nachbardorf hat er vor Jahren eine Schule gebaut. Mit dem ganzen Dorf. Das Grundstück hat extreme Hanglage. Ein Fundament aus Natursteinen musste geschaffen werden. Im Gottesdienst rief er zur Mithilfe auf. Am nächsten Sonntag brachte jeder Kirchenbesucher einen großen Stein mit. So entstand die Schule.
Und doch, in gewisser Weise ist er unersetzlich. Es gibt einen Förderverein in Deutschland der ca. 800 Spender mobilisiert, die jährlich 100.000 € zusammensammeln. Dreimal dürfen Sie raten, wie der Verein heißt! Natürlich: „Padre Pedro Guatemala-Hilfe e.V.“ Der wirkliche Ruhestand muss wohl noch warten.

Freitag, 10. Februar 2012

Silvestergeschichten


(siehe voriger Post)

Die Nachricht
von Markus, unter Verwendung der Wörter Wunde, Finca, Zuspruch, schwitzen, flüstern, pflegen, Giftphiole, Schreibmaschine, Dr. Quinteros, Zeit 90 min

„Was ist so besonders an diesem Tag?“, fragte sich der Postbote, als er mit seinem Mofa gegen 10 Uhr morgens durch den stillen Vorort fuhr, die Tasche mit Briefen und ausländischen Zeitungen auf dem Gepäckträger. Der Himmel war verhangen, die Wolken lagen schwer über der Stadt und so dicht wie lange nicht. Ab und zu sah er ein Hausmädchen mit einem Wäschekorb über die Straße gehen oder einen Gärtner eine Hecke beschneiden.
Das Besondere an diesem Tag waren seine Briefe. Dieser Verdacht war seit seinem Dienstbeginn in ihm gewachsen wie eine kleine giftige Pflanze. Seinen ersten Brief hatte er in die weiße Hand einer jungen Señora gelegt (das Hausmädchen war nicht da), und er fing, als er auf das Trinkgeld wartete, zu schwitzen an. Die Señora kam lange nicht wieder. Als sie mit einer Münze zurückkam, wünschte er sich, nicht darauf gewartet zu haben.
Seinen besorgten Blick erwidernd flüsterte sie, dass alles in Ordnung sei. Was hätte sie auch sagen sollen zu dem Briefträger, den diese Nachricht, so schlecht sie auch sein mochte, nichts anging? Beunruhigt stieg er auf sein Mofa.
Den nächsten Brief in dem Villenvorort gab er dem Hausmädchen, das er schon kannte und das ihm mitteilte, dass der Señor auf der Finca sei. Sie schaute ihn dabei so ratlos an, dass er unwillkürlich fragen musste: „Ja, und? Sonst alles in Ordnung?“ „Naja“, sagte das Mädchen, „der Señor wollte eigentlich schon vorgestern zurückgekommen sein.“ Er suchte noch nach einem passenden Zuspruch. Sicher würde er ihr nicht sagen, dass er an diesem Tag ein komisches Gefühl habe. „Mach dir keine Sorgen!“, sagte er, stieg auf sein Mofa und merkte, dass er sich Sorgen machte.
Am dritten Haus hörte er leise das Klappern einer Schreibmaschine, das verstummte, als er geklingelt hatte. Er besah sich den Brief, nichts Außergewöhnliches war an ihm zu entdecken. Die Absenderin war eine Frau. Der Herr öffnete selbst, nahm mit ernstem Gesicht den Brief, reichte ihm einen Schein und verschwand. War es Neugier oder eine leichte Befürchtung, die den Briefträger noch etwas länger stehenbleiben ließ? War es Einbildung, dass er hinter der Tür einen leisen, unterdrückten Schrei zu hören glaubte?
Um 10.30 Uhr pflegte er eine kleine Pause zu machen in Julios Café. Julio selbst war nicht da, seine Angestellte war an diesem Tag sehr schweigsam. Als sie ihm den Kaffee brachte, sah er eine Wunde an ihrer rechten Hand, die ein Pflaster nur zum Teil verdeckte. Er hatte keine Lust, sie danach zu fragen, zu viele traurige Gedanken und Ahnungen beschäftigten ihn.
Sein vorerst letzter Brief – er hatte noch mehr in seiner Tasche, aber würde an diesem besonderen Tag keinen weiteren austragen – war an Dr. Quinteros adressiert. Der Brief war mit dem Hinweis „Vorsicht Glas!“ versehen; er enthielt einen dünnen, harten Gegenstand, wie ein Stift, aber fester.
Dr. Quinteros selbst öffnete die Tür und bat ihn herein, weil er selbst noch einen Brief hätte, der er gleich mitnehmen könne.
Im Haus roch es eigenartig. Er wusste, dass der Doktor mit Chemikalien experimentierte, er hatte schon vorher Päckchen mit „Vorsicht Glas!“ an ihn ausgeliefert. Ihm wurde schwindelig, er setzte sich auf eine Bank und schloss die Augen.
Er sah Dr. Quinteros vor ihm, wie er den kleinen Glasbehälter herausholte und hörte ihn sagen: „Nur Sie und ich wissen von dieser Giftphiole. Als er ihn die Phiole öffnen sah, hörte er sich schreien: „Nein, Doktor, das ist ein besonderer Tag, ein besonders furchtbarer Tag!“ Vor ihm tauchte der Mann mit der Schreibmaschine auf und hörte ihn sagen: „Ich schreibe jetzt ihr Testament auf“. Und er sah den Señor, der offenbar von seiner Finca zurückgekehrt war und hörte ihn sagen: „Warum haben Sie mein Hausmädchen nicht getröstet? Sie wissen doch, was für ein besonders furchtbarer Tag heute ist!“ Und dann kam auch noch die Señora herein, kam ihm ganz nah und er sah ihr vor Entsetzen verzerrtes Gesicht. „Helfen Sie mir“, stöhnte sie. Er wollte aufstehen und sie stützen, konnte aber nicht.
Als er aufwachte, sah er das freundlich-besorgte Gesicht des Doktors über sich. „Sie hatten einen kleinen Ohnmachtsanfall, trinken sie doch bitte diesen Tee, dann wird es Ihnen besser gehen. Mein Chauffeur bringt sie nach Hause, das Mofa holen Sie morgen ab.“
„Ja“, hörte er sich sagen, „das ist ein besonderer Tag. Ein besonders…“.
„Ein besonders schöner Tag“, unterbrach ihn der Doktor. „Ich habe gerade durch diesen Brief erfahren, dass meinem Sohn, der Chemiker ist, eine große Entdeckung gelungen ist. In dieser Phiole ist eine Lösung, die viele Menschen von ihrer Krankheit heilen kann. Und Sie haben mir diese Nachricht überbracht.“ 



Die Nachricht
von Katrin unter Verwendung der Wörter Wunde, Finca, Zuspruch, schwitzen, flüstern, pflegen, Giftphiole, Schreibmaschine, Dr. Quinteros, Zeit 90 min
San Andres Semetabaj, 25. April 1987
Dr. Sebastián Quinteros stieg an einem Aprilabend die Treppen in sein Haus hinauf. Er war 92 Jahre alt und er wohnte in einem großen, alten Haus auf dem höchsten Punkt einer Finca, wo alles wuchs, was es in der Gegend gab: Kaffee, Erdbeeren, Papaya und Bananen. Man konnte von hier oben über den gesamten Atitlán-See schauen, auf die Vulkane Tolimán, Atitlán und San Pedro und den kleinen Cerro de Oro. Auf seinem Rücken trug Sebastian eine riesige Bananenstaude. Im Esszimmer angelangt, ließ er sie  sehr langsam von seinem Rücken auf den großen Tisch gleiten. Für einen Moment zögerte er sich aufzurichten. Zwar war er froh, die Last losgeworden zu sein, doch es kam ihm vor, als würde etwas in ihm kaputt gehen, wenn er sich jetzt zu schnell bewegte.
Seine Vorsicht hatte auch etwas mit Juanita zu tun, seiner Hausangestellten, die schon lange nicht mehr fröhlich zu lachen pflegte, wenn sie ihn so hereinkommen sah. Eine kurze Zeit lang hatte sie ihn ausgeschimpft. Doch seit er in der letzten Regenzeit einmal verwundet humpelnd, schwitzend und verdreckt seine Bananen hereingetragen hatte, hörte sie auch damit auf. Sie schaute jetzt einfach weg oder verließ das Zimmer, wobei sie die Tür nie leise schloss. Ja, er vermutete sogar, dass sie absichtlich seine Bananen liegen und verderben ließ. Sebastián war ja nicht dumm. Er war sogar Arzt. In seinem Kopf befand sich eine Landkarte des menschlichen Körpers, in die er alle Fälle seines langen Arbeitslebens eingetragen hatte. Aber ach, trotzdem konnte er keine reife Staude hängen lassen, wenn er an ihr vorbeiritt. Sollte die Alte doch damit tun, was sie wollte. Bald würde Jacobo aus der Stadt kommen und wenn er vom Weg nichts mitbrächte, würde sie zum Abendessen doch seine Bananen nehmen.

Er fühlte sich jetzt wieder freier sich zu bewegen. Er schüttelte Arme und Beine. Keine Schmerzen. Sein Blick streifte das Porträt von Maria. Er suchte er es in letzter Zeit öfter. Als könnte es ihm sagen, warum sie nicht schrieb. Maria zwischen Bananenstauden. Seit 60 Jahren stand es dort. Er nahm es in die Hand und setzte sich an den Tisch. Er war damals noch ein junger Arzt, das muss 1926 gewesen sein. Eines Morgens war er in den Bergen unterwegs gewesen und hatte etwas Kleines, Gebücktes um einen Baum laufen sehen. Als er näher gekommen war, hatte sich das Wesen auf plötzlich aufgerichtet, ihm in die Augen geblickt und gefragt: „Ist es ein Geschwür, eine verholzte Blüte oder haben das Menschen gemacht?“ Eine Frau, um die dreißig Jahre wohl, ihre Haare waren blond, ihre Augen hell, und ihre Aussprache war ungewöhnlich. Mit einem Hieb der Machete schlug er auf den Baum und gab ihr den kleinen Ast in Form einer Blüte. „Niemand weiß, wie das entsteht. Finden Sie es heraus.“, sagte er. Sie setzten sich und Maria erzählte ihm, dass sie vor einige Jahren nach Guatemala gekommen war, um auf einer Finca am Pazifik die Kinder einer deutschen Familie zu unterrichten. Ein Jahr später besuchte sie die Freundin am Atitlán-See im Jahr noch einmal, als er das Foto mit den Bananen von ihr machte. Ein paar Wochen später hörte er, sie hätte Malaria bekommen und wäre nach Deutschland zurückgeschickt worden. Er war traurig, denn er befürchtete, nie mehr etwas von der kleinen, hellen Frau zu erfahren. 

Dann erhielt er eines Tages einen Brief aus Dresden, von Maria und dem Artikel aus einer Zeitschrift, in dem sie das Geheimnis der Holzblüte beschrieb. Bald darauf schickte sie ihm jeden Monat einen Brief. Und jedes Jahr einen Weihnachtsstollen. 60 Stollen. Den letzten hatten sie gerade aufgegessen, aber im neuen Jahr war noch kein Brief angekommen. Sebastián drehte sich zum Fenster um zu schauen, ob sich Jacobo näherte, der Enkel der Haushälterin, den er heute Morgen nach Panajachel hinunter geschickt hatte. Doch er fühlte sich auf einmal zu müde um aufzustehen. 

Jacobo hatte währenddessen den Anstieg von Panajachel  zur Finca hinter sich gelassen und schaute sich ebenfalls nach einer reifen Bananenstaude um. Er hatte es nicht eilig nach Hause zu kommen. Stattdessen wünschte er, einen klaren Gedanken fassen zu können. Er hatte einen Brief aus Dresden für Sebastián dabei. Von den hunderten von Briefen – wie viele hatte er, Jacobo, für den Doktor abgeholt? Die letzten 200 gewiss. Immer derselbe Luftpostumschlag, meist eine Blumenbriefmarke, alle in Marias runder, enger Handschrift beschrieben. Der Brief wurde einmal laut gelesen und danach in die große Truhe in der Sala gelegt. Er war noch ein Kind, als er anfing auf sie zu warten, Woche für Woche. Manchmal war er nachts aufgestanden und heimlich in die Sala gegangen, um den neuen Brief zu öffnen, das Papier zu spüren, seinen Geruch zu atmen oder mit dem Finger im Mondlicht die Spuren der Tinte auf dem Papier nachzufahren.

Dass mit diesem Brief, auf den sie jetzt schon so lange warteten, etwas nicht stimmte, hatte er schon am Gesicht der Angestellten abgelesen, als er die Tür zur Post öffnete. Manchmal waren Dinge so deutlich. Sie legte ihn vor ihm auf den Tresen und beide sahen: Luftpostumschlag, Blumenbriefmarke, Dresdner Poststempel. Maschinenschrift. Für einen Moment, eine winzige Sekunde, dachte er, Maria hätte sich vielleicht die rechte Hand verstaucht und mit der linken auf der Schreibmaschine geschrieben. Und dann blickte er noch einmal hinauf und sah: Der Strich auf dem á von Sebastián fehlte. Er wollte den Brief umdrehen, doch die Postfrau sagte nur: „Kein Absender.“  Und: „Es musste doch mal passieren, Jacobo, sie war doch noch älter als Dr. Quinteros!“ Und nach einer Pause: „Braucht er Zuspruch? Soll vielleicht einer mit hochkommen?“
„Ach, was denken Sie denn immer gleich…!“ es sollte empört klingen aber es kam nur ein Flüstern heraus. Da sparte Jacobo sich den Rest. „Hasta luego, mi hijo.“, rief sie ihm hinterher.

Das ganze Dorf schien ihm nachzublicken, als er von Panajachel den Bergweg einschlug. Er fühlte sich elend. Der Doktor hatte ihm mal erzählt, dass vor langer, langer Zeit der Bote schlechter Nachrichten aus einer Giftphiole trinken musste. Er seufzte. Auf einmal schien ihm das kein schlechter Gedanke zu sein. Bald stand er vor dem Haus. Er wollte sich am Fenster vorbeischleichen, er durfte den Doktor nicht treffen sondern musste zuerst mit seiner Großmutter Juanita sprechen. Doch da spürte er schon einen Blick auf sich. Sebastián saß am Fenster und schaute ihn an, er schaute ihm direkt in die Augen. Jacobo blieb stehen und öffnete die Tasche.
Er hatte viel erledigt im Ort, die Tasche war voller Bestellzettel, Rechnungen, Zeitungen. Gleich würde Dr. Quinteros ungeduldig gegen das Fenster trommeln. Da unten, die blauroten Linien der Luftpost, gerade noch rechtzeitig sah er sie am Taschenboden. Er wusste noch nicht, mit welcher Geste er den Brief hochhalten sollte, den Brief aus Dresden, der nicht von einer alten Frau kommen konnte, wären auch noch so viele Blumenbriefmarken darauf.

Doch Sebastián trommelte nicht. Er schaute ihn auch nicht an, denn sein Blick war starr und ohne Leben. Er hörte Juanita auf der Treppe weinen. Irgendjemand unten in Panajachel läutete die Glocken.


Nachtrag: Maria ist von einer realen Person inspiriert. Die 600 Briefe aber sind leider nur ausgedacht, wie auch Dr. Quinteros.

Seltsam sanftes Silvester

Irgendwann hatte das letzte Pärchen, die letzte Familie sich von uns verabschiedet. Nach Deutschland, nach Belize, an die Pazifikküste, oder wenigstens nach Antigua. Niemand schien zu Silvester in Guatemala-Stadt zu sein. Da wollten auch wir weg, wenigstens ans Meer, wenigstens nach Antigua. Aber die Hotels waren vollgefüllt mit Haupstädtern, zu spät.
Am Nachmittag kauften wir eine Packung mit 24 Vulkanen, stellten den Kamin auf die große Terrasse im oberen Stockwerk, aßen, spielten und ließen hin und wieder einen Vulkan explodieren.
Kleine Vulkane, großer Ausbruch

Als die Kinder müde wurden und im Bett lagen, taten wir das, was wir am liebsten tun, wenn es toll sein soll und gleichzeitig einfach. Zum Schreien aufregend und gleichzeitig leiser als das Flackern einer Kaminflamme: Wir schrieben eine Geschichte. Das Verfahren ist seit zwanzig Jahren das gleiche: Wir nehmen uns irgendein Buch und suchen zufällige Wörter, bis wir zehn Wörter beisammen haben. Das elfte Wort wird der Titel der Geschichte. 90 Minuten insgesamt zum Nachdenken und Schreiben.
Unsere Silvestergeschichte würde "Die Nachricht" heißen und die Wörter: "Wunde, Finca, Zuspruch, schwitzen, flüstern, pflegen, Giftphiole, Schreibmaschine, Dr. Quinteros" müssten darin vorkommen.
Wir schrieben bis Mitternacht, ließen eine Himmelslaterne steigen, genossen die Raketen der Zuhausegebliebenen und schrieben noch etwas weiter. Um eins lasen wir unsere Geschichten vor.

Habt Ihr Lust, sie zu lesen? Vielleicht habt Ihr aber auch Lust, selber eine zu schreiben?

Mittwoch, 4. Januar 2012

Ein langer Tag über den Wolken

Bericht von einer Wanderung in über 3.000 m Höhe, die in einem viel zu heißen Thermalbad endete.

In Guatemala ist man fast immer im Gebirge. Die Hauptstadt liegt 1.500 m hoch; die Fläche der Stadt ist durchzogen von zahlreichen Schluchten. Es ist also sachlich nicht richtig, zu sagen: wir fahren ins Gebirge. Aber Anfang Dezember fuhren wir  - rein gefühlsmäßig – doch in die Berge, nämlich nach Quetzaltenango, oder einfacher und volkstümlicher Xela (gesprochen: Schäla) genannt. Die zweitgrößte Stadt des Landes liegt auf etwa 2.500 m Höhe und ist von vielen hübschen Vulkanen und Bergen umgeben. Auf einen dieser Berge, den Pico Zunil wollte ich rauf, zusammen mit Mathilda. Im Reisebüro mit dem völlig zutreffenden Namen Adrelanintours fragte ich nach einem Bergführer und bekam mit dem Führer auch einen neuen Weg, der acht Stunden dauern und viel angenehmer als die bloße Besteigung des Pico Zunil sein sollte, weil dieser Weg hauptsächlich abwärts führe. Wenn es also um 6 Uhr losginge, wären wir Mittags im Thermalbad Las Georginas, ein erstrebenswertes Ziel. Also für morgen bestellt und bezahlt. Aber der Tourenberater hatte sich verschätzt: Am Ende kamen wir erst Abends abgekämpft am heißen Wasser an.
Morgens wartete Edwin am Hotel. Katrin fuhr uns mit dem Auto zum Cumbre de Alaska auf eine Höhe von ca. 3.000 m. Schon zu Beginn der Wanderung konnten wir auf eine dichte Wolkendecke herabsehen, die uns von der Stadt Xela trennte. Cumbre de Alaska sieht so aus, wie es klingt: Karg, kalt und trocken. Das Leben der Menschen an diesem Ort, wo der Wind ungehindert um die Häuser pfeift, muss hart sein. 
Vulkane von Antigua und Atitlan im Morgenlicht. Foto: Neuhaus
Es war 7.30 Uhr, als wir loswanderten, Mittags würden wir nicht am Ziel sein, sondern nach optimistischer Schätzung von Edwin etwa 15.30 Uhr. Wir sollten bald merken, dass alle Schätzungen Edwins optimistisch waren. Vor uns schlängelte sich eine Hügelkette in Richtung Pico Zunil, ihr Kamm wäre unser Weg. Gab es hier schon Überfälle?, frage ich unseren Bergführer. Nein, sagt er nachdenklich, aber er befürchte, dass die Gewalt aus der Hauptstadt sich irgendwann auch hierher ausbreiten und die wenigen Touristen vertreiben würde.
Der Weg über die Hügel ist etwas anstrengend, aber immer noch angenehm. Immer wieder geht es aufwärts und Edwin sagt dann gut gemeinte Sätze wie: Das ist jetzt der zweite von drei Anstiegen. Beim vermeintlich dritten sagt er: das ist jetzt der vorletzte. Und so geht das immer weiter. Er meint es gut.
Siete Cruces
Der Kamm des kleinen Gebirges heißt Siete Cruces, sieben Kreuze. Ab und zu treffen wir tatsächlich auf ein aus Stein gemeißeltes Kreuz. Sie laden zu sportlichen Kreuzwegandachten ein. Noch dazu sind wir Wanderer zwischen zwei Welten.  Wir gehen auf dem Monchon, der Grenze zwischen zwei Regionen, in denen (neben Spanisch) verschiedene Sprachen gesprochen werden: Im Norden die Region Quetzaltenango, wo man Quiché spricht, im Süden Solola mit der Sprache Tzutujil. Von hier oben, weil die Sicht gut ist, können wir noch mehr als diese beiden Regionen überblicken. Wir sehen im Süden nicht nur die Vulkane am Atitlánsee, sondern sogar neben andern den nahe der Hauptstadt gelegenen Vulkan Agua. Im Norden zeigt uns Edwin die Berge, die an der Grenze zu Mexiko sind. Es ist, als könnten wir von hier oben das ganze Land sehen. Ein Segelflug über die Berge kann kaum schöner sein.
Wie heißt der Ort unter uns? Das ist die geothermische Anlage, sagt Edwin. Hier wohnten früher auch Menschen, sie starben bei einer Explosion. Wie das? Die Anlage fördert große Mengen heißen Wassers. Ein Mann dreht jeden Abend den Hahn zu und macht ihn morgens wieder auf. Es geschah am Morgen nach einer heiligen Nacht vor einigen Jahren: Der Mann am Hahn hatte zu viel getrunken und am Weihnachtstag verschlafen. Zehn Familien kamen ums Leben. Was für ein bizarrer Widerspruch an dem Tag, wo die Welt die Geburt des Retters feiert! Wie leichtfertig hier menschliches Leben aufs Spiel gesetzt wurde.
Sehr müde Wanderer am Pico Zunil
Wir hatten den höchsten Punkt der Wanderung, nahe am Pico Zunil, erreicht, 3.425 m. Die Hälfte unserer Wanderung. Der Mittag war um eine halbe Stunde überschritten. Aber von hier aus, so Edwin, würde es nur noch bergab gehen, das würden wir in vier Stunden schaffen. 16.30 im Thermalbad, das war zwar viel später als erwartet, klang aber akzeptabel. Doch wir hatten uns kräftig getäuscht. Im Nachhinein wissen wir nicht mehr, ob diese Täuschung dadurch entstanden war, dass wir Edwin suggestiv gefragt hatten, ob wir es denn bis halb fünf schaffen würden, oder ob er von sich aus diese Zeiten ins Spiel gebracht hatte.
Je länger wir wanderten, je größer unserer Erschöpfung wurde, desto mehr bekamen wir zu hören, was wir hören wollten. Langsam tauchten wir abwärtssteigend in die Wolkendecke ein. Wir wanderten im Bergnebelwald. Die Vegetation veränderte sich. Der Wald wurde dichter. Immer mehr umgefallene Baumstämme kreuzten unseren Weg. Märchenhaft – der Nebel zwischen den Pinien und Tannen.
Erschöpfter werdend, fragten wir immer öfter nach der verbleibenden Wanderzeit. Ja, jetzt sind es noch höchstens drei Stunden. Noch drei Stunden?? Wir sind doch schon sieben Stunden unterwegs!! Ja, aber dann habt ihr es geschafft. Wir kletterten, gefühlt vertikal, einen steil abfallenden dicht wachsenden Bambuswald hinab. Während der Aufstieg Mathilda schwerer viel, hatte ich nun mehr Mühe; Abstiege gehen auf die Knie.
Nach zwei Stunden waren wir wieder horizontal unterwegs – in einem herrlichen Nadelwald. War Georginas Themalquelle nicht ganz in der Nähe? Ich wollte nicht mehr fragen. Aber es gab nichts, wo nach wir uns mehr sehnten als nach Bestätigung, dass das Thermalbad ganz nahe war, höchstens eine Stunde entfernt.
Ich bat Mathilda zu fragen. Fröhlich und wie nebenbei erklärte Edwin, dass jetzt das letzte Stück Weg beginnen würde, noch etwa zwei Stunden. Zwei Stunden? Nach unserer Rechnung dürfte es nur noch eine Stunde sein. Das Vertrauen in unseren Führer war gestört. Irgendwie waren wir zutiefst erschöpft. Diese Erschöpfung war natürlich körperlich. Aber wir empfanden sie vor allem als seelische Erschöpfung durch zu viele falsche Zeitangaben.
Etwas zu heiß: Fuentes Georginas
Doch diese letzte Zeitangabe war richtig. Nach zwei Stunden, 18.30 Uhr, 11 Stunden seit unserem Start im kargen Cumbre de Alaska, erreichten wir das Thermalbad, schon einige hundert Meter früher angekündigt durch die lauten Stimmen von Laurenz und Ophelia, die mit Katrin bereits seit Mittag dort auf uns warteten.
Das Thermalwasser war zum Baden zu heiß. Es ergoss sich kaskadenhaft von einem Becken in zwei weitere. Das Wasser im ersten, dem größten Becken war ideal zur Bereitung von grünem Tee (nicht ganz kochend!). Im zweiten konnte man es etwa fünf Minuten aushalten, bevor die Haut sich ablöste. Im dritten, dem kleinsten Becken, konnten wir eine Weile ruhig hocken. Und genau das war es, was wir, Mathilda und ich, einzig und allein tun konnten: eine Stunde lang in und außerhalb des Wassers ruhig zu hocken. Man nimmt hier das Wasser wie es kommt. Man nimmt die Dinge, wie sie kommen.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Da wird der Elefant in der Schlange verrückt


Ein Monat ist vergangen. Nach Markus' Rückkehr aus Deutschland begann der Endspurt für die Vorbereitung des Weihnachtsbasars der deutschen Gemeinde. Am Tag danach dann gleich die Abfahrt in den Urlaub, zunächst nach Panajachel an den Atitlan-See.
Das besondere an Panajachel ist, dass man sofort alles vergessen muss, was einen beschäftigt, weil das Gehirn die gesamte Kapazität braucht, um eine einzige Information zu verarbeiten: Den Anblick des Sees mit den Vulkanen dahinter. Und dieser Anblick ändert sich ständig: Mal scheint das Ufer ganz nah zu sein, in der klaren Morgenluft mit den schrägen Schatten, die Konturen zum Greifen nah, vormittags ziehen Wolken auf halber Vulkanhöhe auf und lassen sie plötzlich doppelt so mächtig erscheinen. Gegen Mittag wird es etwas diesig, das andere Ufer rückt in unerreichbare Ferne wie ein märchenhaftes Land, der See dazwischen wird riesengroß. Nachmittags dann die wechselnden Farben des Abendlichtes, ein früher Mond, Sterne. Als ich das zum letzten Mal gesehen hatte, war ich gerade 30 Jahre alt geworden.
Sicht über den Atitlan-See von Panajachel aus. Vor über 70 Jahren stand hier auch Antoine de Saint-Exupéry. Der Cerro de Oro ist hinter der Laterne versteckt.

Im Januar waren wir schon einmal am Atitlan-See, allerdings an der anderen Uferseite. Das Gute ist hier zu nah, man kann es nicht sehen. Schön ist es dort trotzdem. Damals (18.1.) berichteten wir über einen Berg, den wir erklommen hatten, den Cerro de Oro, der verblüffende Ähnlichkeit mit einem von einer Schlange verschluckten Elefanten hatte, wie ihn der Erzähler in Saint-Exupéry’s  „Der kleine Prinz“ gezeichnet hatte. Ein hübscher Zufall – ein Schild der Konrad-Adenauer-Stiftung machte darauf aufmerksam.
Aber was sagt Ihr dazu: Der Autor des Kleinen Prinzen, Antoine de Saint-Exupéry, kannte diesen Berg. Er war nicht nur über der Sahara abgestürzt (1935, das gilt als größter Einfluss für die Geschichte), sondern auch einmal in Guatemala, 1938, bei einem Rekordflugversuch von New York nach Feuerland. Er wurde schwer verletzt und erholte sich in Antigua Guatemala. Von dort unternahm er auch Reisen an den Atitlan-See. Und er zeichnete viel in dieser Zeit.
Cerro de Oro im Morgenlicht vor den
Vulkanen Toliman und Atitlan
Bestimmt hat er sich die Geschichte von der Schlange und dem verschlungenen Elefanten beim Anblick dieses Berges ausgedacht. Aber wer weiß das schon? Wenn man bei google "Cerro de Oro" und "The Little Prince" eingibt, kommt man auf drei Einträge. Das wird wahrscheinlich der vierte.

Und überhaupt Antigua…? Hatten wir es nicht in unseren ersten Postkarten so beschrieben: „Antigua ist von drei Vulkanen umgeben, einem aktiven und zwei erloschenen“? Auf seinem Asteroiden, sagt der kleine Prinz, gäbe es „drei Vulkane“, zwei aktive („sehr praktisch zum Eierkochen“) und einen erloschenen. Fünf Jahre bevor er das Buch schrieb, lebte er in Antigua. Und noch etwas – mehr an den Haaren herbeigezogen vielleicht. Erinnert ihr euch an die Geschichte mit den Affenbrotbäumen? Das Schaf (in der Kiste) sollte mit auf den Planeten, um die jungen Affenbrotbaumtriebe  zu fressen, die die größte Bedrohung des Asteroiden darstellten. Affenbrotbäume gehören zu Unterfamilie der Wollbaumgewächse, zu der auch die Ceiba zählt, der guatemaltekische Nationalbaum.
Von der anderen Seite, Aufnahme vom Januar
Das alles diskutierten wir gestern mit Freunden, die auch schon davon gehört hatten, am Kaminfeuer bei einem Schluck alten Ron Zacapa. Sie fanden das leider nicht ganz so aufregend wie ich – oder sie haben einfach nur schon zu oft darüber geredet.
Am 16. November erschien „Der Kleine Prinz“, der in über 240 Sprachen übersetzt ist, auf K’akchiquel, der ersten Maya-Sprache. (Es gibt auch 47 verschiedene koreanische Versionen.) Die meisten K’akchiquel-Sprecher leben - zwischen Antigua und dem Atitlan-See. Vielleicht fängt einer von ihnen mal an, die Wikipedia-Einträge zu ergänzen und ein kleines Büchlein darüber zu schreiben.

Montag, 7. November 2011

Und mittendrin Cottbus

"Das Heilmittel ist schlimmer als die Krankheit." - Wer weiß, ob die Ärztin von Ernst Francis Bacon gelesen hatte, bevor sie vorschlug, seine Medikation abzusetzen. Markus' Vater geht es jetzt sehr schlecht - die Krankheit war wohl doch schlimmer als die Heilmittel.
Markus fliegt morgen (8.11.) nach Berlin und fährt von dort für eine knappe Woche nach Cottbus. Am Montagabend dann zurück Berlin und von dort Dienstagfrüh (15.) nach Guatemala.
Die Handynummer ist die alte.

Nachtrag, 10.11.11
Markus' Vater ist heute Nacht im Krankenhaus in Cottbus verstorben. In einer Woche wäre Ernst Böttcher 77 Jahre alt geworden. Die Beerdigung wird am Montag stattfinden.


Fotos von Allerheiligen in Guatemala